Am 1. Mai 2026 fand in Barnstorf im Landkreis Diepholz die traditionelle Maikundgebung des DBG statt – seit vielen Jahrzehnten ein fester Termin im Kalender der örtlichen Gewerkschaften, aber auch weit darüber hinaus. In diesem Jahr hielt Maximilian Schmidt, Geschäftsführer von Arbeit und Leben Niedersachsen und Sachsen-Anhalt die Mairede. Den Redetext gibt es zum Nachlesen hier:

Rede zur DGB-Maikundgebung am 01.05.2026 in Barnstorf
– Es gilt das gesprochene Wort –

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Barnstorferinnen und Barnstorfer,
und für die Rechtgläubigen: Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Moin! Seid Ihr alle gestern schön in den Mai getanzt? Ich hoffe ja!

Stellen wir uns aber für einen Moment einen ganz normalen Freitagmorgen hier bei uns vor, an dem nicht frei ist.

Es ist kurz nach sechs. Bei den meisten in Barnstorf gehen die Lichter an. Jemand macht sich fertig für die Schicht. Eine Pflegekraft steigt ins Auto, weil der Dienst um sieben beginnt. Ein Vater bringt sein Kind noch schnell zur Kita, bevor er zur Arbeit fährt. Eine Beschäftigte im Einzelhandel schaut auf den Dienstplan und fragt sich, ob sie in der nächsten Woche überhaupt noch weiß, wann sie frei hat. Ein junger Mensch wartet auf eine Zusage für einen Ausbildungsplatz. Und irgendwo sitzt jemand am Küchentisch und rechnet: Miete, Strom, Lebensmittel, Sprit — und dann die Frage: Reicht es diesen Monat?

Das ist nicht abstrakt. Das ist Alltag. Und genau deshalb ist der 1. Mai wichtig. Nicht als Ritual. Nicht als Folklore. Sondern als Tag, an dem wir laut sagen: Diese Menschen halten unser Land zusammen.

Es sind die Menschen, die arbeiten. Die pflegen. Die ausbilden. Die Maschinen bedienen. Die Läden öffnen. Die Busse fahren. Die Verwaltungen am Laufen halten. Die Kinder betreuen. Die putzen, planen, organisieren, bauen, reparieren, pflegen und Verantwortung übernehmen.

Und deshalb passt das Motto des DGB in diesem Jahr so gut:
Erst unsere Jobs, dann eure Profite.

Das klingt zugespitzt. Aber es beschreibt eine sehr reale Erfahrung. Während weltweit in einem Wettlauf Unternehmen und deren Investoren ihre Renditen sichern wollen, geraten Arbeitsplätze immer häufiger unter Druck. Standorte werden verlagert, Investitionen verschoben oder Betriebe geschlossen — oft auch dort, wo Beschäftigte gute Arbeit leisten.

Alle Rednerinnen und Redner der DGB-Maikundgebung in Barnstorf

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir müssen über Unsicherheit reden.

Die wirtschaftliche Lage ist ernst. Und die Zahlen sind konkret: Jeden Monat gehen derzeit rund 10.000 Arbeitsplätze verloren, gerade auch in Kernbereichen der Industrie. Das sind nicht einfach Zahlen. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Eine Familie. Ein Hauskredit. Ein Ausbildungsplatz. Eine Lebensplanung.

Und dann erleben diese Menschen eine Debatte, die völlig schief läuft.

Da heißt es plötzlich: Wir müssten alle mehr arbeiten.
Da wird so getan, als seien Beschäftigte zu bequem, als ginge es um Livestyle.
Da wird über den 8-Stunden-Tag geredet, als wäre er ein überholtes Relikt.
Da wird über Krankheit gesprochen, als sei Kranksein ein Charakterfehler.
Da wird über Rente gesprochen, als sei sie ein Geschenk.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das ist nicht nur falsch. Das ist respektlos.

Die Beschäftigten sind nicht schuld an der Krise. Sie haben keine Energiekrise ausgelöst. Sie haben keine Managementfehler beschlossen. Sie haben keine Investitionen verschleppt. Sie haben keine Infrastruktur kaputtgespart.

Und trotzdem sollen sie jetzt die Rechnung bezahlen.

Mit längeren Arbeitszeiten.
Mit mehr Druck.
Mit unsichereren Jobs.
Mit weniger sozialer Sicherheit.

Dagegen stehen wir heute hier. Nicht aus Gewohnheit. Sondern weil es nötig ist.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wenn wir über Arbeit reden, reden wir nicht nur über einzelne Betriebe. Wir reden über eine große Verschiebung, die seit Jahren läuft.

Weltweit wächst die Wirtschaft. Es wird produziert, entwickelt, transportiert, programmiert, gepflegt, verkauft, gereinigt und gebaut. Die Menschheit arbeitet. Die Produktivität steigt. Neue Technologien entstehen. Ganze Branchen verändern sich.

Aber die entscheidende Frage ist: Kommt dieser Wohlstand noch bei denen an, die ihn erarbeiten?

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO zeigt: Der weltweite Anteil der Arbeitseinkommen an der gesamten Wirtschaftsleistung ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten gesunken — von 53,9 Prozent im Jahr 2004 auf 52,3 Prozent im Jahr 2024. Das klingt erst einmal nach wenig. Aber diese Verschiebung bedeutet: Wäre der Anteil der Arbeitseinkommen stabil geblieben, hätten Beschäftigte weltweit allein im Jahr 2024 rund 2,4 Billionen US-Dollar mehr Einkommen gehabt.

2,4 Billionen Dollar.
Das sind Löhne, die fehlen.
Das sind Rentenbeiträge, die fehlen.
Das sind Kaufkraft, Sicherheit und Zukunft, die fehlen.

Und wohin geht dieser Anteil? Er verschwindet ja nicht. Wenn der Anteil der Arbeit sinkt, steigt der Anteil von Kapital, Vermögen und Renditen.

Das ist der Kern unserer Debatte. Die Menschen arbeiten nicht weniger. Aber ihr Anteil am gemeinsam erarbeiteten Wohlstand wird kleiner.

Und genau deshalb reicht es nicht, wenn Politik und Arbeitgeber sagen: „Ihr müsst mehr leisten.“ Die eigentliche Frage lautet: Warum kommt von dem, was geleistet wird, immer weniger bei den Beschäftigten an?

Wenn Arbeit produktiver wird, müssen auch die Menschen profitieren, die diese Arbeit leisten. Wenn Unternehmen Gewinne machen, müssen auch die Beschäftigten Sicherheit bekommen. Wenn neue Technologien Wert schaffen, darf dieser Wert nicht nur bei einigen wenigen Eigentümern landen.

Denn eine Gesellschaft, in der Arbeit immer weniger zählt und Vermögen immer mehr, wird ungerecht. Und eine ungerechte Gesellschaft wird instabil.

Dann wächst Frust. Dann wächst Misstrauen. Dann wächst das Gefühl: Die da oben machen ohnehin, was sie wollen.

Genau deshalb ist Verteilungspolitik keine Neiddebatte. Sie ist Demokratiepolitik.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

nehmen wir den 8-Stunden-Tag. Was heißt das eigentlich, wenn er fällt? Das klingt ja erst einmal technisch: Arbeitszeitgesetz, Flexibilisierung, Wochenhöchstarbeitszeit. Aber im Alltag heißt es: Der Arbeitstag kann deutlich länger werden. Wir als Gewerkschaften warnen deshalb vor Arbeitstagen von über zehn Stunden, im Extremfall mit Pausen bis zu 13 Stunden täglich, wenn der Arbeitgeber es verlangt.

Stellen wir uns das konkret vor. Eine Pflegekraft beginnt morgens um sieben. Bei 13 Stunden ist sie abends um acht noch nicht richtig zuhause. Dann kommt der Heimweg. Dann vielleicht Kinder, Angehörige, Haushalt, Einkaufen. Und am nächsten Morgen wieder raus.

Oder jemand in der Logistik. Lange Tour, enger Zeitplan, ständiger Druck. Noch zwei Stunden dran. Noch ein Auftrag. Noch eine Lieferung.

Oder jemand im Büro. Tagsüber Besprechungen, abends noch E-Mails, am Wochenende noch schnell etwas fertig machen. Offiziell flexibel. In Wahrheit immer verfügbar.

Das ist keine moderne Arbeit. Das ist Entgrenzung, das ist moderne Ausbeutung.

Und es ist gefährlich. Wir wissen aus Studien: Wenn sich die tägliche Arbeitszeit von acht auf zwölf Stunden verlängert, steigt das Unfallrisiko um 80 Prozent. 80 Prozent!

Das bedeutet mehr Fehler. Mehr Unfälle. Mehr Erschöpfung. Mehr Krankheit. Mehr Menschen, die irgendwann nicht mehr können.

Deshalb sagen wir nicht aus Nostalgie: Hände weg vom 8-Stunden-Tag. Wir sagen es, weil Menschen keine Maschinen sind.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wer wirklich will, dass Menschen mehr arbeiten können, der muss nicht den Arbeitstag verlängern. Der muss die Bedingungen verbessern.

Wir brauchen verlässliche Kinderbetreuung.
Wir brauchen gute Pflegeinfrastruktur.
Wir brauchen planbare Dienstpläne.
Wir brauchen ein Rückkehrrecht in Vollzeit.
Wir brauchen Arbeitgeber, die Arbeit so organisieren, dass Menschen sie auch durchhalten.

Und wir brauchen Tarifverträge. Denn gute Arbeit fällt nicht vom Himmel. Sie wird verhandelt. Sie wird erkämpft. Sie wird abgesichert.

Ein Beispiel: Der gesetzliche Mindestlohn soll zum 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro steigen. Das hilft Millionen Beschäftigten. Das ist wichtig. Aber der Mindestlohn bleibt die unterste Haltelinie. Gute Löhne gibt es vor allem dort, wo Tarifverträge gelten.

Und zugleich bleibt das Problem groß: Viele Menschen arbeiten Vollzeit und kommen trotzdem kaum über die Runden. Das ist die Kollegin, die jeden Einkauf spürt. Das ist der Beschäftigte, der eine zweite Tätigkeit annimmt. Das sind Menschen, die nicht zu wenig arbeiten, sondern zu wenig verdienen.

Und dann wird ihnen erzählt, sie müssten einfach länger arbeiten. Nein.

Leistung muss sich lohnen. Aber das heißt nicht: länger schuften.
Das heißt: besser bezahlen.
Das heißt: Tarifbindung stärken.
Das heißt: Arbeit so organisieren, dass Menschen davon leben können.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir müssen auch über junge Menschen reden. Denn Zukunft entscheidet sich nicht erst im Betrieb. Sie entscheidet sich schon beim Übergang von der Schule in den Beruf.

Auch hier sind die Zahlen alarmierend. 2025 blieben über 54.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Gleichzeitig fanden über 84.000 junge Menschen keinen Ausbildungsplatz. Jedes Jahr landen rund 250.000 junge Menschen im Übergangsbereich zwischen Schule und Ausbildung. Und 2,9 Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 34 Jahren haben keinen Berufsabschluss.

Das muss man sich einmal vorstellen.
Auf der einen Seite klagen Betriebe über Fachkräftemangel.
Auf der anderen Seite finden junge Menschen keinen Ausbildungsplatz.
Das ist kein Naturgesetz. Das ist ein politisches und betriebliches Versagen.

Wer Fachkräfte will, muss ausbilden.
Wer Zukunft will, muss jungen Menschen eine Chance geben.
Wer Transformation will, muss Weiterbildung ermöglichen.

Gerade bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz wird das entscheidend. Wir wissen aus der Forschung: 2024 arbeiteten 36 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen mit hohem Automatisierungspotenzial, weitere 43 Prozent in Berufen mit mittlerem Automatisierungspotenzial. Aber Berufe verschwinden nicht einfach vollständig. Aufgaben verändern sich. Und deshalb ist Weiterbildung der Schlüssel.

Aber Weiterbildung passiert nicht von allein. Die Zahlen zeigen: Wenn Beschäftigte sowohl zeitlich als auch finanziell unterstützt werden, nehmen 45 Prozent an Weiterbildung teil. Ohne Unterstützung sind es nur 10 Prozent.

Das ist doch die Lehre: Die Menschen wollen. Aber sie brauchen Zeit. Sie brauchen Unterstützung. Sie brauchen Arbeitgeber, die Verantwortung übernehmen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wenn wir über Zukunft reden, kommen wir an einem Thema nicht vorbei: Künstliche Intelligenz.

Viele reden darüber, als sei KI vor allem eine Maschine zum Einsparen von Arbeit. Einige der reichsten Menschen der Welt, die diese Plattformen besitzen, träumen ganz offen davon, menschliche Arbeit in großem Stil zu ersetzen.

Aber wir sagen: So einfach ist es nicht. Technik kann helfen. Sie kann Arbeit erleichtern. Sie kann gefährliche oder monotone Tätigkeiten reduzieren. Sie kann Abläufe verbessern. Aber sie darf nicht gegen Beschäftigte eingesetzt werden.

Denn es gibt Arbeit, die kann man nicht ersetzen.
Und es gibt Arbeit, die darf man nicht ersetzen.

Eine KI kann vielleicht einen Dienstplan optimieren. Aber sie hält keinem alten Menschen die Hand.

Eine KI kann Texte zusammenfassen. Aber sie tröstet kein Kind in der Kita.

Eine KI kann Daten auswerten. Aber sie ersetzt nicht Erfahrung, Verantwortung und Kollegialität im Betrieb.

Deshalb ist die entscheidende Frage nicht: Kommt KI oder kommt sie nicht?
Sie kommt längst. Die entscheidende Frage ist: Wer bestimmt, wie sie eingesetzt wird?

Passiert das über die Köpfe der Beschäftigten hinweg?
Oder mit Mitbestimmung, Qualifizierung und klaren Regeln?

Ich sage das auch aus meiner eigenen Arbeit heraus: Ich bin Geschäftsführer von Arbeit und Leben Niedersachsen, der Bildungs- und Beratungseinrichtung des DGB. Wir organisieren Weiterbildung, politische Bildung und Beratung, damit Beschäftigte in Zeiten großer Veränderung am Ball bleiben können.

Denn Wandel darf nicht heißen: Die einen entscheiden, und die anderen müssen sehen, wo sie bleiben. Wandel muss heißen: Beschäftigte werden beteiligt. Beschäftigte werden qualifiziert. Beschäftigte bekommen Sicherheit.

Darum brauchen wir Weiterbildung nicht als nettes Zusatzangebot, sondern als festen Bestandteil guter Arbeit. Gerade jetzt. Gerade bei Digitalisierung und KI. Gerade für diejenigen, die sonst als Erste unter Druck geraten.

Und deshalb bleibt unser Motto auch beim Thema KI richtig:
Erst unsere Jobs, dann eure Profite.

Im Jahr 2026 heißt das auch:
Erst menschliche Arbeit, dann automatisierte Rendite.
Erst Mitbestimmung, dann Algorithmus.
Erst Qualifizierung, dann Rationalisierung.

Wir sind nicht gegen Technik. Wir sind gegen Technik, die Menschen entwertet.

Wir sind nicht gegen Fortschritt. Wir sind gegen Fortschritt, bei dem wenige reicher werden und viele unsicherer.

Fortschritt verdient seinen Namen nur, wenn er das Leben der Menschen besser macht.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

damit sind wir bei einer größeren Frage: Was ist eigentlich eine starke Wirtschaft?

Manche tun so, als sei eine starke Wirtschaft das Gegenteil von starken Arbeitnehmerrechten. Als müsse man nur Löhne drücken, Arbeitszeiten verlängern und Sozialleistungen kürzen, dann werde alles gut. Das ist ökonomischer Unsinn.

Eine starke Wirtschaft braucht gute Infrastruktur. Sie braucht verlässliche Energie. Sie braucht gute Schulen. Sie braucht funktionierende Verwaltungen. Sie braucht bezahlbaren Wohnraum. Sie braucht Busse, Bahnen, Straßen, Netze. Sie braucht Menschen, die gesund bleiben und gut ausgebildet sind.

Gerade hier im ländlichen Raum wissen wir das genau. Wenn der Bus nicht fährt, wenn die Kita fehlt, wenn der Arzttermin weit weg ist, wenn die Schule bröckelt, dann ist das keine abstrakte Strukturdebatte. Dann betrifft es jeden Tag das Leben der Menschen.

Deshalb sind öffentliche Investitionen kein Luxus.

Das Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und den klimagerechten Umbau ist ein wichtiger Schritt. Aber es muss auch dort ankommen, wo es gebraucht wird. In den Kommunen. In Schulen. In Straßen. In Schienen. In Krankenhäusern. In Verwaltungen. In den Orten, in denen Menschen leben und arbeiten.

Denn wenn wir wollen, dass Demokratie Vertrauen zurückgewinnt, dann muss der Staat im Alltag funktionieren.

Nicht nur in Sonntagsreden. Sondern am Schalter. In der Schule. In der Kita. Im Krankenhaus. Bei der Pflege. Bei der Bahn. Auf dem Amt. Vor Ort.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

der Sozialstaat ist dabei kein Kostenproblem. Er ist die Grundlage für Sicherheit.

Der DGB sagt klar: Der Sozialstaat ist kein Almosen, sondern ein demokratisches Versprechen auf Sicherheit und Würde. Und wenn behauptet wird, er sei nicht mehr finanzierbar, müssen wir genau hinschauen. Beschäftigte zahlen auf Arbeitseinkommen rund 43 Prozent Steuern und Abgaben. Die effektive Belastung vieler großer Vermögen liegt deutlich darunter.

Das Problem ist also nicht, dass zu viel Solidarität da ist.
Das Problem ist, dass Reichtum zu oft aus der Solidarität entlassen wird.

Das sehen wir bei der Rente. Die Rente ist kein Geschenk. Sie gehört denen, die einzahlen. Wer ein Leben lang gearbeitet hat, muss im Alter sicher leben können. Dass das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent stabilisiert wurde, ist ein kleiner Erfolg. Aber es reicht nicht, nur bis 2031 zu denken. Menschen brauchen Sicherheit über Legislaturperioden hinaus.

Und das sehen wir bei der Gesundheit. Gesundheit darf kein Geschäftsmodell sein. Krankenhäuser, Praxen, Pflege, Reha — das alles muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Nicht an Renditeerwartungen.

Wenn Beschäftigte im Gesundheitswesen immer mehr leisten sollen, aber Tarifsteigerungen nur teilweise refinanziert werden, dann heißt das am Ende: mehr Druck, weniger Personal, schlechtere Versorgung. Wenn Kranke mehr zuzahlen sollen, trifft es die Falschen. Wenn Teilkrankschreibung Druck erzeugt, trotz Krankheit zu arbeiten, ist das keine Reform, sondern ein Risiko.

Gesundheit ist keine Ware. Und das gilt besonders im ländlichen Raum. Gute Versorgung darf nicht davon abhängen, ob man in einer Großstadt lebt oder auf dem Land.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

am Ende führt alles zu einer einfachen Frage:
Für wen ist Wirtschaft da?

Für wenige, die Renditen optimieren?
Oder für die vielen, die jeden Tag arbeiten?

Unsere Antwort lautet: Wirtschaft muss den Menschen dienen. Nicht umgekehrt.

Deshalb geht es am 1. Mai nicht nur um einzelne Forderungen. Es geht um Würde. Um Respekt. Um Sicherheit. Um Demokratie.

Denn Demokratie lebt nicht allein vom Wahlsonntag. Demokratie lebt davon, dass Menschen im Alltag erleben: Ich werde gesehen. Meine Arbeit zählt. Meine Stimme zählt. Meine Zukunft zählt.

Gewerkschaften sind dabei keine Zuschauer. Wir sind handelnde Kraft.

Wir verhandeln Tarifverträge.
Wir stärken Betriebsräte.
Wir kämpfen für Ausbildung.
Wir kämpfen für Weiterbildung.
Wir verteidigen den 8-Stunden-Tag.
Wir streiten für Rente, Gesundheit und soziale Sicherheit.
Wir stehen gegen Spaltung und gegen Rechtsextremismus.

Und wir wissen: Nichts davon geht allein.

Der 1. Mai erinnert uns daran, dass Fortschritt immer dann möglich wird, wenn Menschen sich zusammentun.

Nicht, weil sie immer einer Meinung sind.
Nicht, weil alles leicht ist.
Sondern weil sie wissen: Gemeinsam sind wir stärker als jeder allein.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Barnstorf ist nicht Berlin. Aber die Entscheidungen aus Berlin, aus Hannover, aus Konzernzentralen und Arbeitgeberverbänden kommen hier an.

Sie kommen an im Dienstplan.
Sie kommen an auf dem Gehaltszettel.
Sie kommen an bei der Rente.
Sie kommen an in der Arztpraxis.
Sie kommen an in der Schule.
Sie kommen an im Alltag.

Und deshalb muss auch unsere Antwort von hier kommen.
Aus den Betrieben.
Aus den Verwaltungen.
Aus den Kitas.
Aus der Pflege.
Aus den Werkstätten.
Aus den Gewerkschaften.
Aus der hart arbeitenden Mitte, die ja so oft beschworen wird.

Unsere Antwort heißt:
Sichere Arbeit statt unsichere Zukunft.
Tarifverträge statt Lohndruck.
Weiterbildung statt Wegwerfmentalität.
Investitionen statt Kaputtsparen.
Gesundheit statt Rendite.
Rente statt Altersarmut.
Mitbestimmung statt Macht von wenigen.

Und ja, unser Motto bleibt:
Erst unsere Jobs, dann eure Profite.
Aber heute füllen wir es mit Leben.

Es heißt: Erst die Menschen, die morgens um sechs aufstehen.
Erst die Familien, die planen wollen.
Erst die jungen Menschen, die eine Ausbildung suchen.
Erst die Kolleginnen und Kollegen, die gesund bleiben wollen.
Erst die Beschäftigten, die Respekt verdienen.

Darum stehen wir heute hier.
Für Gute Arbeit.
Für sichere Jobs.
Für einen starken Sozialstaat.
Für eine Demokratie, die im Alltag spürbar ist.

Ich wünsche uns allen einen kämpferischen, solidarischen und zuversichtlichen 1. Mai.
Vielen Dank.